Adieu, Tidal

Tidal ist ein etwas seltsamer Außenseiter unter den Musik-Streaming-Diensten, der neben Spotify und Apple Music vergleichsweise wenig Beachtung findet. Auch ich habe Tidal sehr lang belächelt, bis Tidal mit einem verlockenden Angebot aufwartete: 6 Monate kostenloses Streamen.

Tidal-Vorschläge

Das wesentliche Alleinstellungsmerkmal Tidals, Streaming in hoher Qualität, war davon ausgenommen. Und trotzdem bin ich in den ersten Wochen der Testphase zum kleinen Tidal-Fan geworden. Dabei hat Tidal meinen Musikgeschmack zunächst einmal umgekrempelt. Statt mich mit dem üblichen Techno-Geschrubber zu bespielen, landete ich einer Tidal-kuratierten Cumbia-Playliste, und war sofort begeistert. Die nächsten Wochen auf Tidal waren ein Reise durch Cumbia-Gefilde und einen Sound, der mir zuvor nahezu unbekannt war.

Tatsächlich sind bis heute die kuratierten Playlisten meine Lieblungsfunktion von Tidal. Tatsächlich habe ich bis heute auch keine echte Ahnung, wie man diese Playlisten in der App findet. Entdeckt habe ich sie über die Sonos-App: Dort gibt es Geschichts-Playlisten wie "Summer '88 Hip Hop", "1997!" und "Cumbia Clásicos Vol. 1". Und es gibt Event-Playlisten, unter anderem für das Melt-Festival und das Lollapalooza.

Tidal-Playlisten in Tidal und Sonos
Die kuratierten Playlisten von Tidal sind gut – allerdings nur in der Sonos-App übersichtlich zu finden

Diese Playlisten sind super. Abgesehen davon, dass sie kaum aufzufinden sind, kranken sie aber vor allem daran, dass sie meinem Empfinden nach nur selten gepflegt und erweitert werden. (Es ist wahrscheinlich keine zu gewagte These, dass die Playlisten schwer auffindbar sind, weil sie kaum gepflegt werden.) Die Favoriten unter den Playlisten sind somit schnell ausgemacht und gleichzeitig kommt nur wenig Neues nach.

Beim Öffnen empfängt Tidal mich mit einer weitgehend unbrauchbaren und nervigen Auswahl von Titel-Vorschlägen. Es gibt eine gähnend langweilige Top-100-Liste für Deutschland, und daneben Empfehlungen neuer Musik, in denen sich in weiten Teilen (Hip-Hop-)Acts wiederfinden, die eng mit den Tidal-Machern sind. Hip-Hop scheint insgesamt etwas überrepräsentiert.

Tidal-Vorschläge
Die Vorschläge von Tidal sind tendenziell recht bescheiden

Nur wer sehr tief scrollt, findet Empfehlungen, die auf zuletzt angehörter Musik basieren. Diese individualisierten Empfehlungen sind leider an allen Stellen untergeordnet. Zwar lassen sich für den gerade laufenden Song passende andere Titel anzeigen und abspielen, die Qualität der Vorschläge schwankt aber deutlich, Empfehlungen wiederholen sich und bestehen teilweise einfach nur aus Titeln, die ich in der Vergangenheit gehört habe.

Von Tidal zu Spotify

Bis heute gefallen mir viele Dinge an Tidal. Die iOS-App ist übersichtlich und funktioniert sehr gut. Einen der wenigen Schwachpunkt – Titel in der Favoriten-Liste ließen sich nicht gesammelt herunterladen – haben die Entwickler in einem der vergangenen Updates beseitigt. Die kuratierten Playlisten machen Lust auf Entdecken. Insgesamt ist das Angebot groß, nur wenig Musik habe ich nicht gefunden.

Und trotzdem bin ich seit einer knappen Woche Spotify-Kunde. Maßgeblich für den Wechseln war vor allem das weitgehende Fehlen individueller Empfehlungen. Viel zu oft habe ich in Tidal die immer gleichen 100 Lieder gehört, die sich in den ersten Wochen in meiner Favoriten-Liste eingefunden haben. Neue Titel kamen nur vereinzelt hinzu. Aber gerade diese Dienstleistung ist es, für die ich – zumindest zähneknirschend – bereit bin, 10 Euro im Monat zu investieren: Vorschläge, die mich regelmäßig neue Titel und Interpreten entdecken lassen. Für alles andere habe ich einen umfangreichen iTunes-Katalog, der meine Lieblingsmusik der letzten zehn Jahre umfasst.

Und Apropos Lieblingsmusik: Es mag zum Teil an meiner mangelnden Geduld gelegen haben, aber insbesondere im Hinblick auf elektronische Musik – und Techno im Besonderen – habe ich mich mit dem Tidal-Angebot nicht wirklich anfreunden können. Ein Lichtblick ist die von Tidal gepflegte Playlist "Techno & Minimal", in der zwar immer wieder neue Titel landen, die aber nur einen ersten Schritt darstellen kann. Einen Modus, in dem ich innerhalb von Tidal regelmäßig neue Musik entdecke, habe ich nicht gefunden. Von Spotify erhoffe ich mir in dieser Hinsicht deutlich mehr, insbesondere in Form des Mixes der Woche, über den ich regelmäßig viel Gutes höre.

soundiiz
Soundiiz sieht gut aus, funktioniert gut und ist in der Basisversion kostenlos

Abschließend ein paar Worte zum Umzug zu Spotify: Ich habe dafür Soundiiz.com benutzt und könnte kaum begeisterter sein. Funktionierte für mich wunderbar und übertrug praktisch alle Playlisten schmerzfrei zu Spotify. Insgesamt habe ich schätzungsweise 300-400 Lieder übertragen. Schätzungsweise unter 10 davon gibt es auf Spotify nicht.